Josef Gredler

Damit man in der Pension in kein Loch fällt

 

Warum fallen Berufstätige, vor allem Personen aus Führungspositionen, wenn sie in den Ruhestand  gehen, in ein so genanntes „Pensionsloch“? Dieses „Pensionsloch“ bezeichnet einen Zustand der inneren Leere und Unruhe, eines empfundenen Identitätsverlustes, eines verminderten Selbstwertgefühles und führt nicht selten in eine richtige Sinnkrise oder seelische Depression. Solche „Pensionisten“ sitzen dann tatsächlich in einem Loch, aus dem sie sich selber nur schwer befreien können. Meist brauchen sie Hilfe von außen. Allerdings könnte man in der Zeit, in der man noch voll und ganz im Beruf steht, dieser Gefahr vorbeugen, um dann, „wenn es so weit ist“, eben nicht in dieses Loch zu fallen. Mit solchen vorbeugenden Maßnahmen müsste man allerdings früh genug beginnen, ein paar Tage vor Pensionsantritt ist es dafür zu spät. Eigentlich sind es gar keine Maßnahmen, die man ergreifen soll, es ist das Einüben einer bestimmten Art und Weise des Lebens während  der „aktiven Zeit“, das Gewinnen einer  Lebensperspektive, die über den Beruf hinausreicht.

Leben muss immer mehr sein als der Beruf!

So lobenswert es klingen mag, wenn über jemanden gesagt wird „Er lebt ganz für seinen Beruf“ oder „Er geht ganz in seinem Beruf auf“. Wenn das wirklich so ist, dann ist das jedoch höchst bedenklich, denn es besagt gleichzeitig nicht weniger, als dass der Betreffende außer seinem Beruf nichts Sinn Gebendes, Leben Erfüllendes kennt, außerhalb seines Berufes kaum Lebensinteressen hat und pflegt. Wenn dann der ganz in seinem Beruf Aufgegangene diesen Beruf gegen den so genannten Ruhestand eintauschen muss, geht für ihn der Lebensinhalt, der Lebenssinn verloren. Wenn über jemanden in anerkennender Absicht gesagt wird, er gehe ganz in seinem Beruf auf, hat dieser keinen Grund, stolz darauf zu sein. Vielmehr sollte man den – natürlich unbeabsichtigten – Vorwurf heraushören, dass man in einer Eingrenzung des Lebens auf das berufliche Schaffen viel Lebenswertes, Wertvolles, Wichtiges völlig vernachlässigt hat. Dass Menschen, die ganz in ihrem Beruf aufgehen, im Beruf deshalb qualifizierter oder „erfolgreicher“ sind, stimmt in keiner Weise. Wirklicher, nicht bloß oberflächlicher Erfolg im Beruf setzt neben beruflicher Qualifikation auch voraus, dass man seinen Lebenssinn nicht ausschließlich im Beruf findet, seine Identität nicht nur vom Beruf ableitet, nicht völlig und nur auf diesen fixiert ist. Gefangene ihres Berufes können sich in diesem nicht wirklich entfalten. Ein Sessel steht bekanntlich nicht gut auf nur einem Bein. Wer sich nur über den Beruf definiert und nur für den Beruf lebt, gleicht einem solchen Sessel, der eben nur ein Bein  und daher umfällt, wenn man nicht darauf sitzt. Man muss früh genug lernen, das Leben nicht nur auf den Beruf einzuengen. Wer im Ruhestand dann das Gefühl hat, es wurde ihm sein Lebensinhalt genommen, kann die neue Lebenssituation nie positiv erleben. Der gesunde und auch im tieferen Sinn erfolgreiche Mensch braucht im Leben Gegengewichte, um im Gleichgewicht zu sein. (Siehe dazu auch unter „kritische Anmerkungen“ „Man braucht im Leben Gegengewichte“!) Das Gleichgewicht im Leben hat Einfluss auf die berufliche Balance. Man soll seinen Beruf mit Überzeugung, Freude, ja sogar mit aller Leidenschaft bis zuletzt ausüben bzw. leben, man muss ihn dann aber auch loslassen können, weil dieses Leben im Ruhestand ja nicht aufhört, erfüllend, sinnvoll, lebenswert sein zu können. Wer aus Unruhe, Langeweile oder Verzweiflung schnell Ersatz sucht für seinen Beruf, die neue Zeit gleich voll stopft mit neuen Verpflichtungen, nimmt diesem kommenden Lebensabschnitt die Chance, in sich wertvoll, erfüllend, Sinn gebend zu sein.

Nicht mit der beruflichen Vergangenheit brechen!

Wer aber nur noch die Tage zählt, bis man „das endlich hinter sich hat“, ist nicht besser dran, sondern ebenso gefährdet, in dieses berühmte Loch zu fallen. Auf Dauer kann man sein neues Leben in der Pension nicht darauf aufbauen, froh zu sein, dass man das alte endlich los ist. Eine solche Perspektive verhindert, dem Leben in der Pension Sinn, Erfüllung, Freude abzugewinnen. Mit Frust und Resignation aus dem Beruf scheiden ist keine gute Voraussetzung für eine erfüllte Zeit nach dem Beruf. Es ist gut und tut gut, wenn man sich gern zurückerinnert, wenn man gern jene Menschen wieder sieht, mit denen man beruflich verbunden war. Wenn jemand voll Stolz von sich sagt, er habe jetzt einen absoluten Schlussstrich unter seine berufliche Vergangenheit gezogen, sodass er niemanden aus seinem Berufsleben mehr sehen will, nichts mehr davon hört, kommt diesem Pensionsloch gefährlich nahe. Niemanden mehr sehen wollen, nichts mehr hören wollen aus seinen „aktiven Zeit“ ist ein sicheres Zeichen dafür, dass da etwas nicht stimmt. Man kann und soll ganz loslassen, aber man darf und soll an den Fragen und Themen seiner beruflichen Zeit interessiert bleiben, auch wenn man nicht mehr in der Verantwortung dafür steht. Mit der beruflichen Vergangenheit im Lot zu sein ist die beste Voraussetzung, mit der Zeit danach im Lot zu sein. Man sollte sich freuen können, wenn man seine beruflichen Kollegen und Freunde wieder sieht und trifft. Ruhestand bezeichnet nicht eine innere Leere, sondern die Möglichkeit, frei von beruflicher Verantwortung das Leben neu zu erfüllen und zu gestalten. Damit nichts anzufangen wissen, macht unglücklich und krank. Dankbar zurückschauen ist eine gute Voraussetzung für ein zuversichtliches Vorausschauen.

Berufliche Vergangenheit und Ruhestand brauchen eine gute Verbindung!

Im Regelfall wird man von der Zeit des Ruhestandes ja nicht überfallen, sondern konnte sie früh genug ins Auge fassen. Die lange Zeit der Berufstätigkeit gut abzuschließen und dankbar zurückschauen zu können ist eine gute Voraussetzung, die Zeit nach dem Beruf gut annehmen zu können und nicht als ein aufgepfropftes Schicksal zu empfinden. Wer mit der Vergangenheit nicht im Lot ist, kann es auch mit der Zukunft nicht wirklich sein. Es gibt eine Kultur des Aufhörens. Diese ist untrennbar verbunden mit einer Kultur des Beginnens. Beide sollte man pflegen. Man verschwindet nicht einfach von der Bühne, sondern verlässt sie, weil man weiß, dass hinter der Bühne ein neuer Lebensabschnitt mit neuen Optionen und Möglichkeiten sich auftut. Man macht eine Tür entschlossen und überzeugt zu, um eine neue Tür aufzumachen und die Zeit dahinter zuversichtlich auf sich zukommen zu lassen, um diese dann neu einteilen, neu verteilen, neu gestalten zu können, solange einem Gesundheit geschenkt ist. Aber diese liegt vor und nach der Pensionierung nur teilweise in unseren Händen.  Der Weg in die Pension ist natürlich eine Zäsur, die man aber auch mit Gelassenheit sehen sollte. Die Erde dreht sich weiterhin um die Sonne, der Kalender bleibt der gleiche, nicht einmal der Zeiger auf der Uhr geht deshalb auch nur einen Deut langsamer oder schneller. Die Verantwortung des Berufes ablegen zu können soll frei machen für  Neues. Warum sollte unter dem Neuen nicht auch Ersehntes sein? Aber man sollte Kommendes auch dann annehmen, wenn es nicht auf dem Wunschzettel steht.

 

© Josef Gredler