Josef Gredler

Ballast abwerfen

 

Der Blick in den Terminkalender lässt erschrecken, da ist kein Platz mehr für… Da sind keine freien, leeren Zeilen mehr, da geht nichts mehr. Oder doch, wenn man die Zwischenräume noch hernimmt und alles ein bisschen enger zusammenschiebt. Und der Schreibtisch ist voll Papier, beschrieben mit Dingen, die erledigt werden müssen. Man kann sich den leeren Schreibtisch, wie er einmal ausgesehen hat, als er ganz neu war, gar nicht mehr vorstellen. Wo ist denn der Zettel, auf dem ich mir gestern noch eine wichtige Notiz für heute gemacht habe? Vielleicht irgendwo zwischen diesem Stapel von… Oder habe ich ihn versehentlich in die Schublade gelegt? Aber diese ist auch pumpvoll, dass man schwer etwas findet. Auch die Bücherschränke sind längst alle voll belegt. Die letzen Bücher, die ich gekauft hatte, musste ich deshalb quer auf die stehenden Bücher oben drauf legen. Wenn ich den PC starte, kommen unzählige Ordner daher und jeder Ordner ist mit Dateien überfüllt. Gestern habe ich vergeblich einen alten Brief gesucht. In welchem Ordner habe ich ihn bloß abgelegt? Man findet nichts mehr. Auch der Kleiderschrank ist voll, Kleiderbügel an Kleiderbügel eng zusammengeschoben. Einige  hängen samt Kleidungsstücken heraußen, weil drinnen beim besten Willen kein Platz mehr ist. In den Küchenschränken hat das viele Geschirr kaum noch Platz. Diese Teller da, wir benützen sie ja kaum noch, trage ich am besten in den Keller. Aber dort scheint die Platznot ja noch größer zu sein. Was da nicht alles herumsteht, man findet sowieso nichts mehr, wenn man etwas braucht. Vieles hat man schon vergessen, gar nicht mehr gewusst, dass man das überhaupt hat. Ehrlich gesagt, was dort hinten im Winkel verwahrt ist, ich weiß es nicht. Zu guter Letzt ist auch der Kopf  voll. Diese ganze Überfülle ist wie ein großer Ballast, der auf alles drückt, zur täglichen Bedrückung wird. Man hätte es lieber ganz anders, leichter, weniger voll gestopft, mehr Luft zum Atmen, mehr Platz zum Menschsein. Wir stopfen hinein – in den Terminkalender, in den Schreibtisch, in den Schrank, in den Abstellraum, in den Kopf, bis nichts mehr geht. Auf Dauer macht das richtig krank.  Sie würden gern etwas ändern, aber wie? Sie möchten, können aber nicht. So schweben sie dahin wie ein Ballon, der zuviel Ballast an Bord hat und sich im Sinkflug befindet, der irgendwann, irgendwo mit einer ungewollten Landung, vielleicht sogar Bruchlandung endet. Wenn es wirklich ein Ballon wäre, dann wüssten wir schon, was wir zu tun hätten: Ballast abwerfen. Aber das Leben ist kein Ballon. Der Vergleich hat aber trotzdem etwas für sich. Ist der Ballast im Terminkalender, auf dem Schreibtisch, im Schrank, im Kopf ganz unabänderlich, schicksalhaft? Ein Mystiker hat einmal gemeint: „Nichts ist schwer, sind wir nur leicht.“ Man sollte es für möglich halten, auch da Ballast abzuwerfen, um den Sinkflug und die ungewollte Landung aufzuhalten. Zuerst glaubt jeder, dass das nicht möglich ist. Und das ist eine der Ursachen dafür, dass sich so viel Ballast ansammeln konnte, dass so Vieles in unserem Leben zum Ballast geworden ist.

Ein bekanntes Sprichwort sagt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“  Ein sehr pragmatischer Gedanke, den man auch auf das Abwerfen von Ballast anwenden könnte. Einfach damit beginnen. Sich jeden Tag an einen Schreibtisch zu setzen, der uns belastet, weil er so voll belegt ist, nichts mehr Platz hat - es sei denn, man legt es einfach irgendwo oben drauf – schafft Unbehagen, belastet, bedrückt. Es lohnt sich, da einmal Ernst zu machen, all das zu entsorgen oder an seinen richtigen Platz zu geben, was überflüssigerweise dort liegt und nur Platz wegnimmt. Das, was heute oder vielleicht morgen nicht erledigt werden kann, gehört nicht auf den Schreibtisch. Ein Fach im Schrank, geordnet und gekennzeichnet, damit man das Abgelegte dann zur Bearbeitung auch findet, wäre der geeignetere Platz. Der Schreibtisch ist keine Langzeitablage. Ist er überhaupt eine Ablage? Schon ist es auf dem Schreibtisch deutlich leerer geworden. Wer am Ende eines jeden Arbeitstages sich die notwendige Zeit für dieses Aufräumen seines Schreibtisches nimmt, fühlt sich am nächsten Tag wohler, wenn er sich an diesen Schreibtisch setzt. Die Rechnung geht auf, wenn man es ernsthaft will.  Wenn mich die Regale und Schränke für die Bücher belasten, weil sie so übervoll sind, ich keinen Platz mehr für neue Bücher habe und Bücher, die ich suche, nicht mehr finde, dann tue ich gut daran, einmal zu überlegen, ob ich all diese Bücher wirklich will und brauche. Bei aller Liebe zu Büchern, sie dürfen nicht zur Last, nicht zum Ballast werden. So könnten auch die Bücherschränke von jenen Büchern befreit werden, die nur noch da stehen und Platz weg nehmen. Ein derart erleichtertes, von Ballast befreites Arbeitszimmer betreten zu können ist ein befreiendes Gefühl. Sich wohl fühlen können in seinem Arbeitszimmer ist eine psychohygienisch höchst notwendige Angelegenheit. Mit dem Kleiderschrank verhält es sich nicht anders. Wenn Hemden und Wäschestücke übereinander gestapelt werden, die schon seit einem Jahr nicht mehr in Verwendung sind, stellt sich berechtigt die Frage, wozu sie überhaupt noch da liegen. Den Kleiderschrank jeden Tag öffnen zu können, ohne das Gefühl zu haben, erdrückt zu werden, tut gut. Wenn man den Abstellraum meidet, weil man sich bei seinem Anblick unwohl fühlt, dann soll man dort ebenso vorgehen. Die Tendenz zum Horten und Aufbewahren ist dem positiven Lebensgefühl unbedingt unterzuordnen. Den Abstellraum ohne belastendes Gefühl betreten zu können, ist wichtiger als all das Zeug, das dort drinnen - wahrscheinlich vergeblich - darauf, einmal gebraucht zu werden. Eigentlich kann man in der ganzen Wohnung, im ganzen Haus so vorgehen, Handschuhfach und Kofferraum des Autos nicht zu vergessen.

Man muss nicht so weit gehen wie der griechische Denker Diogenes, der vor mehr als zweitausend Jahren ganz zufrieden schlussendlich nur noch in einem leeren Fass wohnte und nichts außer einem Trinkbecher besaß, weil er nicht mehr benötigte. Als er dann eines Tages ein Kind sah, das mit bloßen Händen Wasser schöpfte, befreite er sich auch noch von diesem Becher. Als Alexander der Große ihn, der gerade in seinem Fass die letzten Sonnenstrahlen genoss, einmal aufsuchte und ihm einen Wunsch frei stellte, bekam er überraschend zur Antwort:  "Geh mir bitte aus der Sonne!" Der große Feldherr und Eroberer ahnte wohl etwas vom glücklichen inneren Frieden des Diogenes, als er gesagt haben soll: "Wenn ich nicht Alexander wäre, wollte ich Diogenes sein.“ Man muss nicht so weit gehen, aber die Richtung, die uns diese geschichtliche Anekdote aufzeigt, verdient Beachtung. Als Hans im Glück mit seinem Goldklumpen nicht ganz glücklich war, tauschte er diesen gegen etwas ein, das viel weniger materiellen Wert hatte, und so weiter und so weiter. Schließlich hatte er sich so lange immer wieder von dem getrennt, was er besaß, bis er nur noch einen Wetzstein in der Hand hatte. Hans hatte bei jedem Tauschgeschäft drückenden Ballast abgeworfen. Schlussendlich fiel dieser Wetzstein in einen Brunnen und Hans stand mit leeren Händen da und - war erleichtert, befreit und glücklich. Seine "Rechnung" ist auch aufgegangen. Er hat ein gutes Tauschgeschäft gemacht.

Wir können nicht Diogenes oder Hans im Glück spielen, wir können nicht alles abwerfen. Aber wenn wir alles unnötig uns Belastende abwerfen, leben wir befreiter, besser, gesünder, glücklicher.

 

© Josef Gredler