Josef Gredler

Die Graphen von Tirol

 

Bei dieser Überschrift bemüht man zuerst sein ganzes Erinnerungsvermögen an den Geschichtsunterricht in der Schule, in dem natürlich von den Grafen von Tirol die Rede war. Da gab es doch diese Grafen, die sich nach ihrer Burg Tirol nannten. Albert, Berthold und Heinrich waren ihre bevorzugten Namen, dann gab es doch auch noch einen oder zwei Meinhards, einen Otto und die zumindest dem Namen nach bekannte Margarete mit dem Beinamen „Maultasch“, das waren die Grafen von Görz-Tirol. Und die Burg bzw. das Schloss Tirol kennt man auch, jedenfalls dem Namen nach. Schloss Tirol, bei Dorf Tirol oberhalb von Meran, ist ein beliebtes Ausflugsziel vieler Nordtiroler, wenn sie nach Südtirol kommen und etwas für ihre heimatgeschichtliches Interesse tun wollen und sich dazu einer Schlossführung anschließen. Die historisch Versierten kennen sich da natürlich besser aus. Sie kennen nicht nur die Namen, sondern verbinden mit den Grafen von Tirol schon konkrete Einzelheiten bzw. Ereignisse in der Entwicklung Tirols. Wer von ihnen hat wann, wo, was gemacht? Die fast schon historische Rechtschreibung befremdet allerdings ein wenig, schreibt man die „Grafen“ doch längst schon mit einem „f“. Diese „Graphen“, die in der Überschrift gemeint sind, schreiben sich aber mit „ph“ - und haben mit den „Grafen von Tirol“ nur über lange geschichtliche Umwege zu tun. „Die Graphen von Tirol“ sind laut Untertitel „ein Bilderbuch für Neugierige“, das wir den beiden Herren  Josef Nussbaumer und Stefan Neuner verdanken. Es möchte ein „Schaubuch zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft Tirols“ sein. Auf über 300 Seiten liefert es Tausende von Daten, Tabellen, Fakten dazu. Ich habe noch nie in meinem Leben ein Buch gelesen, das auf über 300 Seiten nur aus Daten und Tabellen besteht. So etwas kann man doch nicht lesen, hätte auch ich mir gedacht, wenn ich da an einem Freitag Ende Juni dieses Jahres nicht im Veranstaltungssaal von Kolsass, einer kleinen Gemeinde im Tiroler Unterland, wo ich geboren und aufgewachsen bin, gesessen wäre. Ich war zu einer Lesung bzw. Buchpräsentation vom Team der dortigen öffentlichen Bücherei eingeladen, „Die Graphen von Tirol“ wurden vorgestellt. Meine Erwartungen waren zuerst eher zurückhaltend. Doch dann traute ich meinen Augen und Ohren nicht. Was nun in eineinhalb Stunden zu sehen und zu hören war, hätte ich vorher eigentlich nicht für möglich gehalten. Wie kann jemand eineinhalb Stunden lang statistische Tabellen zeigen und diese so erklären bzw. kommentieren, dass keine Minute Langeweile aufkommt, im Gegenteil, der ganze Saal so gespannt zuhört, dass niemand merkt, wie die Zeit vergeht? Ich hatte ja schon eine Powerpoint befürchtet, wie ich sie leider allzu oft über mich ergehen lassen musste, wenn der Präsentator oder die Präsentatorin bloß das herunterliest, was auf den Powerpointeinblendungen  ja ohnedies von allen Nichtanalphabeten selbst zu lesen ist, wenn digitale Spielereien notwendig sind, um die Langeweile in Grenzen zu halten und technische Pannen die Langeweile entweder auf die Spitze treiben oder ihr ein Ende bereiten. Diese eineinhalb Stunden über „Die Graphen von Tirol“ nahmen einen ganz anderen Verlauf: Da stand jemand vor seinem Publikum und war sich des darzubietenden Inhaltes so sicher, dass er frei mit und zu seinen Zuhörern reden konnte. Spontane Zwischenfragen haben oder hätten ihn nicht aus dem Konzept gebracht. Er tat dies noch dazu lebendig, erfrischend, unterhaltsam und für alle verständlich, mit viel Temperament, Elan und auch Witz und Humor. Daten und Zahlen wurden so präsentiert, dass das Publikum nicht nur gut informiert wird, sondern gleichzeitig bestens unterhalten wurde. Eine solche Fülle von Daten, Zahlen, Fakten über Tirol hatte ich bis dahin nirgendwo gehört oder gelesen. Oft war ich erstaunt, überrascht, manchmal ganz perplex, manchmal höchst amüsiert. Diesem Buch und seiner Präsentation müssen jahrelange intensive, aufwendige und genaueste Recherchen vorausgegangen sein. Die Ergebnisse so komprimiert zu verpacken und so unterhaltsam zu präsentieren war für mich die Überraschung dieses Abends, denn selten trifft beides zusammen. Man musste kein Historiker sein, um Interesse an dieser Fülle von geschichtlichen Daten zu finden, es genügte eine gesunde Neugierde. Was ich da über Tirol, meine Heimat, zu hören bekam, hätte ich außerhalb dieses Abends nie mehr erfahren. Ich war richtig erleichtert, dass all diese Graphen, die da vorgestellt wurden, und noch viele andere mehr in einem Buch vorliegen. So konnte ich mich ganz dem Zuhören widmen, musste mir keine Notizen machen, sondern hatte genug Zeit zum Staunen, ernst und immer wieder auch heiter berührt zu werden. Am Schluss haben sich wohl manche gefragt: War das nun ein Informationsabend oder ein vergnüglicher Unterhaltungsabend? Es war beides, die „Graphen von Tirol“ haben einen überaus informativen, aber auch kurzweilig vergnüglichen Abend beschert.

 

© Josef Gredler