Josef Gredler

Vor zwei Jahrzehnten

 

Im Kosovo, unweit von uns

macht sich unvorstellbare Not über Menschen her,

ergreift Todesangst von den Seelen Unzähliger Besitz,

werden in blindem Hass Kinder, Frauen, Männer zu Tode gequält,

werden Häuser angezündet, mit und ohne Menschen darin,

flüchten Hunderttausende in ihre Rettung oder in den Tod,

werden die Leiber Flüchtender von Minen zerrissen,

werden mitten im Schrecken noch Kinder geboren,

fließen Tränen fassungsloser Verzweiflung,

werden Frauen und Mädchen zusammengetrieben und vergewaltigt,

werden Hingemetzelte in Massengräbern verscharrt,

erfüllen die Schreie Gequälter die wahnsinnsschwangere Luft,

wirft die Grausamkeit ihre furchtbaren Schatten auf das Land,

passieren Dinge, als wäre die Hölle zu den Menschen gekommen,

unweit von uns,

aber immerhin weit genug,

dass man nichts sieht, wenn man nicht will,

dass man nichts hört, wenn man nicht will,

dass man nichts erfährt, wenn man nicht will,

dass man einen Bogen machen kann um alle Grausamkeit,

dass man ungestört bleiben kann von allem Schrecken,

dass man seine Ruhe haben kann, wenn man will.

Im Fernsehen kann man auf ein anderes Programm umschalten,

in der Zeitung diese Seiten überblättern,

die Gedanken daran kann man verdrängen.

Unweit von dort können wir so tun,

als sei nichts geschehen,

können wir atmen, reden, lachen, spielen, essen, schlafen,

als sei das alles nicht wirklich.

Wir brauchen uns vom Krieg unweit von uns

nicht berühren, nicht stören zu lassen.

Wir können sogar behaupten,

das geht uns nichts an.

 

© Josef Gredler

Vor zwei Jahrzehnten:

Im Kosovo, unweit von uns

macht sich unvorstellbare Not über Menschen her,

ergreift Todesangst von den Seelen Unzähliger Besitz,

werden in blindem Hass Kinder, Frauen, Männer zu Tode gequält,

werden Häuser angezündet, mit und ohne Menschen darin,

flüchten Hunderttausende in ihre Rettung oder in den Tod,

werden die Leiber Flüchtender von Minen zerrissen,

werden mitten im Schrecken noch Kinder geboren,

fließen Tränen fassungsloser Verzweiflung,

werden Frauen und Mädchen zusammengetrieben und vergewaltigt,

werden Hingemetzelte in Massengräbern verscharrt,

erfüllen die Schreie Gequälter die wahnsinnsschwangere Luft,

wirft die Grausamkeit ihre furchtbaren Schatten auf das Land,

passieren Dinge, als wäre die Hölle zu den Menschen gekommen,

unweit von uns,

aber immerhin weit genug,

dass man nichts sieht, wenn man nicht will,

dass man nichts hört, wenn man nicht will,

dass man nichts erfährt, wenn man nicht will,

dass man einen Bogen machen kann um alle Grausamkeit,

dass man ungestört bleiben kann von allem Schrecken,

dass man seine Ruhe haben kann, wenn man will.

Im Fernsehen kann man auf ein anderes Programm umschalten,

in der Zeitung diese Seiten überblättern,

die Gedanken daran kann man verdrängen.

Unweit von dort können wir so tun,

als sei nichts geschehen,

können wir atmen, reden, lachen, spielen, essen, schlafen,

als sei das alles nicht wirklich.

Wir brauchen uns vom Krieg unweit von uns

nicht berühren, nicht stören zu lassen.

Wir können sogar behaupten,

das geht uns nichts an.

 

© Josef Gredler