Josef Gredler

Jenseits des Vorstellbaren

 

Wenn man am Abend in den Nachrichten im Fernsehen hört, nein, hören muss, dass ein Kind zu Tode geprügelt worden ist,  dann kann man in einer solchen Nacht nicht schlafen wie in jeder anderen. Wenn man am nächsten Morgen die Zeitung aufschlägt und lesen muss, dass das tatsächlich stimmt, dann wird das kein Tag wie jeder andere. Fast möchte man die Bilder zuerst gar nicht zulassen, weil das Unvorstellbare mitgelitten werden muss. Aber die Bilder lassen sich nicht mehr wegschieben, mit scharfen Eisen ritzen sie das höllische Szenario in die Seele ein. Diese möchte schreien, das Unvorstellbare, den  zerreißenden Schmerz hinausschreien. Der dreijährige Cain schaut uns an. Er möchte geliebt werden und hat ein Recht darauf. Nichts anderes, als ihn zu lieben, sind die Welt und die Menschen ihm schuldig. Eine Hand, die ihn zärtlich berühren sollte, greift statt dessen  zu einem Stock und beginnt in rasender Wut und mit aller Gewalt auf Cain loszuschlagen, als hätte die Hölle sich aufgetan. Entsetzliche Schreie eines Kindes, das sich nicht wehren kann, sondern dem teuflischen Ausbruch hilflos, schutzlos ausgeliefert ist  in höllischen Schmerzen. Schläge! Schreie! Schläge! Schreie! Man muss sich das vorstellen, man muss sich das anhören. Man darf sich nicht die Augen und die Ohren zuhalten. Kann denn niemand diesem Ausbruch der Hölle Einhalt gebieten? Kann ein Mensch so entarten und zur Bestie werden? Schreie! Schreie! Dann auf einmal Stille, Totenstille. Im wahrsten Sinn des Wortes. Endlich ist das Unfassbare vorbei. Das Kind schreit nicht mehr, sein lebloser Körper ist verstummt. Was heißt Körper? Nur noch die Haut hält das zusammen, was wir Körper nennen. Wie lange mag das gedauert haben, was man gar nicht mehr beschreiben, sich gar nicht mehr vorstellen kann? Wie ist so etwas möglich? Wie kann jemand so etwas tun? Fragen, die man nie mehr vergisst wie die Bilder, wie die Schreie. Der Fernseher läuft weiter, man schaut nicht mehr hin und hört nicht mehr hin. Man blättert in der Zeitung nicht mehr weiter, man bleibt auf dieser Seite stehen. Alles, was da noch drinnen steht, ist auf einmal belanglos. Man geht zur Arbeit, die Bilder gehen mit. Man hört das Hupen der Autos, aber noch viel mehr hört man die Schreie, die einem begleiten. Wäre es nicht besser gewesen, man hätte sich das Ganze nicht so unter die Haut gehen lassen? Solche „Dinge“ kommen in dieser Welt eben vor. Wo käme man denn da hin, wenn eine Meldung in der Zeitung, eine Nachricht im Fernsehen solche Emotionen auslöst? Man weigert sich aber, sich mit solchen banalen, unmenschlichen Gedanken herauszuhalten. Man ist es diesem unschuldigen dreijährigen Cain einfach schuldig mitzuleiden, vom Mitleid ganz berührt zu werden. Es darf kein Tag sein, wie jeder andere. Es darf keine Nacht sein, wie die anderen Nächte auch. Das geht nicht, denn da ist Cain, nein, er ist nicht mehr. Aber es darf nicht bei den zwei Minuten im Fernsehen oder einer Seite in der Zeitung bleiben? Was kann man tun? Was kann ich tun?

© Josef Gredler