Josef Gredler

Traditionalistische Hardliner als Glaubenswächter

 

   Meinungsverschiedenheiten und Spannungen sind überall dort anzutreffen, wo Menschen zusammen kommen, miteinander leben, Gemeinschaften bilden... Das gilt für jede Beziehung, für Familie, für Vereine, Institutionen, politische Parteien und natürlich auch für die Kirche. Das ist eigentlich so normal, dass man darüber gar keine Worte verlieren, schon gar nicht darüber schreiben müsste. Wo Menschen miteinander zu tun haben, kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, die zu Spannungen und auch Konflikten führen. Auch das ist normal. Das ist grundsätzlich auch gut so. Meinungsverschiedenheiten sind sogar notwendig, ohne sie gäbe es keine Entwicklung, sondern nur Stillstand. Aber die Spannungen, die in der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und teilweise auch wegen der in diesem Konzil gefassten Beschlüsse begonnen haben und mittlerweile die innerkirchliche Situation in besorgniserregender Weise prägen, sind nicht mehr so natürlich oder normal, dass man eigentlich gar nicht viel darüber reden bzw. schreiben müsste. Sie haben das Maß des Natürlichen und Gesunden längst und weit überschritten und sind zu einer innerkirchlichen Bedrohung geworden. Sie bergen die Gefahr in sich, die Kirche zu spalten. Papst Johannes XXIII – er wäre wohl nicht Papst geworden, hätte das gesamte Konklave gewusst, was da auf sie zukommt - wollte mit diesem Konzil „frische Luft in die Kirche hereinlassen“. Nach frischer Luft in der Kirche war ja auch wirklich Bedarf und diese hat man nach dem Konzil wohltuend gespürt. Sie hat Hoffnungen geweckt, neuen Mut gemacht, Freude ausgelöst, Aufbruchsstimmung erzeugt. Man hat gespürt, wie gut sie der Kirche tut und wie notwendig diese Frischluftzufuhr ist, um auf dem Weg in die Zukunft einer umfassend veränderten und sich immer weiter und schneller verändernden Welt bei den Menschen zu bleiben, mit ihnen zu sein. Sie sollte der Kirche die Möglichkeit geben, auf die Welt und die Menschen zuzugehen, nicht sich zurückzuziehen und immer mehr abzuschotten hinter einem Bollwerk von unabänderlichen Vorschriften und Gesetzen zum vermeintlichen Schutz der reinen Wahrheit des Glaubens.

 

   Heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Konzil, hat eine theologische, spirituelle Rechtslastigkeit diese Kirche im Herzen gespalten, noch nicht auf dem Papier, aber auch hier sollte man den Ernst der Situation erkennen. Rechtslastigkeit ist zugegeben eine unscharfe Bezeichnung für diesen „Flügel“ in der Kirche. Man nennt sie auch Traditionalisten, Hardliner, kirchliche Fundamentalisten… Keine Bezeichnung allein trifft es ganz, alle zusammen können diesen Flügel ziemlich zutreffend bezeichnen und seine Position innerhalb der kirchlichen Koordinaten angeben. Will man das, was diese traditionalistischen Hardliner denken, glauben, wollen, inhaltlich auf einen Punkt bringen, muss man bei ihrem Verständnis von Wahrheit, gemeint ist natürlich die Glaubenswahrheit, ansetzen: Sie wissen genau, was Wahrheit ist. Sie kennen die ganze Wahrheit. Und diese hat für sie ganz klare Konturen, sodass sie sie jederzeit gegen Unwahrheiten abgrenzen können. Diese Wahrheit hat unter allen Umständen Priorität und ist kompromisslos vor jenen zu schützen und gegen jene zu verteidigen, die sie in Frage stellen. Wahrheit hat immer absoluten Vorrang. In ihrem kompromisslosen Eifer  werden sie zu strengen, lieblosen Wächtern über diese Wahrheit. Die Logik ihres Urteilens und Handelns ist totalitär geprägt von diesem Wahrheitsverständnis. Sie kennen kein Pardon, wenn jemand von dieser Wahrheit abweicht. Die Wahrheit ist für sie wichtiger als der Mensch. Das Gesetz stellen sie über die Liebe. Sie beanspruchen zwar für sich, in dieser Liebe zu sein, aber man spürt ihre Liebe nicht, wenn man nicht auf ihrer Seite steht. Jene, die nicht so denken wie sie, sind ihre Gegner und eine Gefahr für die Wahrheit. Wenn man ob ihrer Strenge sich auf die Liebe Gottes berufen möchte, dann verteidigen sie sich mit: „Gott ist die Liebe, ABER er ist auch gerecht.“ Mit dem „aber“ verraten sie sich auch schon, sie behaupten mit diesen „aber“ offensichtlich einen – für sie notwendigen - Gegensatz zwischen Liebe und Gerechtigkeit. Richtig müsste es ja heißen: Gott ist die Liebe UND gerecht. Gottes Gerechtigkeit ist kein Gegensatz zu seiner Liebe, Gott ist in seiner Liebe gerecht oder Gott liebt in seiner Gerechtigkeit. Im Gegensatz zur liebenden Gerechtigkeit Jesu pflegen sie eine steinerne Gerechtigkeit. Sie wissen auch immer genau, was wahr ist. Wenn es dennoch einmal einen Zweifelsfall gibt, dann ist hierarchische Entscheidung das einzig richtige und verlässliche Mittel, die Wahrheit festzulegen. Wer das nicht akzeptiert, verdient Zurechtweisung oder Sanktion. Eine nahezu absolut praktizierte Hierarchie ist für sie unverzichtbar notwendig, diese Wahrheit abzusichern. Dann kann es auch keine Unklarheit mehr geben. Das Ganze funktioniert wie ein geschlossenes System. Wer das System nicht anerkennt, stellt sich bereits außerhalb der Wahrheit und ist ein Gegner der Wahrheit. Sie verwechseln Vorschriften und Gesetze zum (vermeintlichen) Schutz der Wahrheit mit der Wahrheit selber bzw. heben Vorschriften und Gesetze in den Rang der Wahrheit. Und weil Wahrheiten unabänderlich sind, halten sie auch die Vorschriften und Gesetze, die um diese Wahrheit herum errichtet werden, für unabänderlich. Diese verhängnisvolle Gleichsetzung bzw. Verwechslung führt zu einem völlig statischen Verständnis von Kirche, in der jede Entwicklung und Veränderung als  Verwässerung oder Leugnung der Wahrheit verhindert werden muss. Das Wort „konservativ“ bekommt eine ausschließlich negative Bedeutung.

 

   Wenn man diese innerkirchliche Situation, oder sagen wir Konstellation, vergleicht mit der Situation in den Evangelien, dann fällt auf, dass das Verhalten dieser traditionalistischen Hardliner dem der Gesetzeslehrer und Pharisäer frappierend ähnlich ist. Wie diese verhalten sie sich wie Glaubenswächter, streng, legalistisch, unbarmherzig. Verblüffende Analogien zwischen den Pharisäern  und traditionalistischen Hardlinern sind da einfach nicht zu leugnen. Natürlich waren nicht alles Pharisäer gleich, aber man kann nicht bestreiten, sondern findet es in Evangelien vielfach bestätigt, dass Jesus mit ihnen immer wieder „übers Kreuz gekommen“ ist, sich mit ihnen angelegt hat, ihnen entschieden entgegen getreten ist und er permanent im Visier ihrer Beobachtungen und Ermittlungen stand. Jesus hat sich mit ihnen nicht nur angelegt, sondern hat ihnen unverblümt ins Gesicht gesagt, was er von ihnen hält. Man kann es nachlesen, es waren keine schmeichelhaften Worte, sondern er ist dabei sehr deutlich geworden. Ein wesentlicher Vorwurf gegen Jesus war immer wieder, dass er sich nicht an die Gesetze und Vorschriften hält. Das muss uns doch bekannt vorkommen. Insbesondere haben sie ihm vorgeworfen, dass er sich nicht an das Sabbatgebot hält, weil er am Sabbat Kranke heilt. Das Sabbatgebot ist immer wieder zum Stein des Anstoßes geworden. Sie haben Jesus also tatsächlich zum Vorwurf gemacht, dass er am Sabbat heilt, Menschen gesund macht. Schließlich hat es Jesus auf den Punkt gebracht und die Prioritäten klargestellt: „Der Sabbat ist für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Jesus hat ihrem völlig legalistischen, lieblosen, oft unmenschlichem Denken sein von der Liebe zum Vater und zu den Menschen bestimmtes Verständnis von Vorschrift und Gesetz gegenübergestellt. Er hat dabei nicht die Wahrheit der heiligen Schriften verwässert oder gar aufgelöst. Aber er hat ein für allemal und entschieden klargestellt, dass Vorschriften für den Menschen da sind und da sein müssen und nicht umgekehrt. Schließlich hat er sich noch mit Sündern abgegeben. Seine Begründung, dass nicht die Gesunden, sondern die Kranken des Arztes bedürfen, konnten sie nicht nachvollziehen. Jesus hat die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht überzeugen oder gar bekehren können, im Gegenteil…

 

© Josef Gredler