Josef Gredler

jahreswechsel

das jahr wird  abgehakt

das letzte blatt

noch vom Kalender gerissen

das war’s

bloßes papier

mit nichtigen zahlen

der neue kalender liegt schon bereit

seine blätter zu verlieren

im los der vergänglichkeit

man dreht sich im kreis

jahr um jahr

in ziellosem tanz

ohne erfüllung und wandlung

nur der vergänglichkeit zu entrinnen

 

jahreswechsel

wie ein lebensring

legt sich das jahr

um alles was war

und fügt meinem Leben

einen neuen hinzu

hinzugewachsen

alles umhüllend

ein neuer darf werden

zu neuem wachsen und reifen

das vergängliche

zu wandeln ins unvergängliche

das sterbliche

zu vollenden ins ewige

 

jahreswechsel

das jahr senkt sich nieder

legt seine tage hin

wie abgefallene blätter

um erdreich zu werden

für ein neues

das darunter verborgen

nur sichtbar als keim

aus dem vergangenen

sich erhebt

um dem licht

entgegenzuwachsen

dem boten des ewigen

 

jahreswechsel

erfüllt vom betörenden lärm

tosender Feuerwerkskörper

nach oben geschickt

um den nächtlichen himmel

zu durchfurchen

und ihr blendendes licht

zu versprühen

wie irrlichter im dunkel

und jene stille zu verhindern

die leisen botschaften

der tiefe

nicht mehr zu hören

 

jahreswechsel

willkommener Anlass

das unruhige verlangen

nach neuem zu stillen

weil verbrauchtes bloß fad

gebrauchtes nur langweilig

altes längst überfällig

höchst an der zeit

dass alles platz macht

dem verführenden glitzer

des neuen

und sei es bloß eine zahl

deren letzte ziffer

wenigstens neu ist

 

jahreswechsel

 

© Josef Gredler