Josef Gredler

Renovierung

 

Wohnen ist leben, Wohnung oder Haus schaffen Lebensraum, ermöglichen Lebensqualität. Diesen Lebensraum, diese Lebensqualität zu erhalten oder gar zu verbessern, den neuen Bedürfnissen, der neuen Lebenssituation anzupassen, verlangt von uns, dass wir in diesen Lebensraum Zeit, Energie, finanzielle Mittel investieren. Wir können nicht einfach einziehen und dann nur noch darin wohnen bleiben, alles für immer so belassen, wie es ist. Da würde Haus oder Wohnung abgewohnt werden, die Bausubstanz würde  sich verschlechtern und letztendlich zerfallen. Da müssen Schäden und Mängel, die im Laufe der Zeit unweigerlich entstehen, behoben werden. Da muss immer wieder auch renoviert, im wahrsten Sinn des Wortes erneuert werden. In größeren Abständen sind sogar umfassendere Sanierungsmaßnahmen notwendig. Wenn wir nichts tun, würde sich dieser Lebensraum zunehmend verschlechtern, bis er eines Tages gar nicht mehr imstande wäre, uns Lebensraum zu geben. Viele scheuen keine Anstrengung, um ein schönes Haus zu bauen, ein nettes Heim zu schaffen, in dem sei sich wohl fühlen. Je nach finanzieller Möglichkeit bewegt sich dieses Bemühen in anderen Dimensionen. Aber die heruntergekommene, kaum mehr bewohnbare Wohnung ist bei uns doch die Ausnahme. Manchmal mussen Wohnung und Haus auch noch Eindruck machen, Bewunderung auslösen, Statussymbol, Luxusobjekt sein.

Diese selbstverständliche Klugheit und Bereitschaft, den Eifer, die Freude und  Phantasie, die Energie, die wir bei unserer Wohnung, bei unserem Haus einsetzen, setzen viele nicht ein, wenn es um die Renovierung oder Sanierungen unseres „inneren Hauses“ geht. „Psyche“ ist nicht die richtige Bezeichnung für dieses innere Haus. Selbstverständlich setzen wir Maßnahmen für unsere körperliche und psychische Gesundheit. Für die Gesundheit des Körpers fällt uns dieser Einsatz leichter, für die Gesundheit der Psyche fällt uns das schon schwerer. Wir gehen zum Arzt, vielleicht auch zum Therapeuten, wir lassen uns untersuchen und legen uns für einige Tage oder Wochen sogar ins Krankenhaus. Danach kommen vielleicht sogar Wochen der Rehabilitation oder Kuraufenthalte. Die so genannte Krankenfürsorge oder Krankenkasse übernimmt sogar für all das einen mehr oder weniger großen Teil dieser Kosten. Eigentlich ist für alles bestens gesorgt.

Aber bei dieser Obsorge oder Fürsorge geht es nicht um das „innere Haus“ oder um das „Haus des Lebens“, um jenes Haus, das aus Beziehung, Sinn, Werten, Person, Wahrheit, Offenheit für Tanszendenz… besteht. Diese inneren Häuser werden oft vernachlässigt, viele wissen gar nicht, dass es sie gibt. Aber wenn sie hoffen, vertrauen, glauben, lieben, sich freuen und traurig sind, verzweifelt oder voller Sehnsucht und Erwartung, ihre innere Dunkelheit, Schwachheit und Angst erfahren oder all das zusammen, einmal mehr so und dann wieder mehr so, dann befinden sie sich bereits in diesem „Haus des Lebens“.

Was tun wir dafür? Wer kümmert sich darum? Wenn es um diese inneren Häuser des Lebens so ähnlich bestellt wäre, wie um unsere Wohnungen und Häuser aus Wänden, mit Dächern, Fenstern und Türen, dann… Zuerst muss man dieses innere Haus, sein inneres Haus entdecken. Dann  muss man sich in diesem inneren Haus einmal umsehen, von oben bis unten, von außen und innen, jeden Winkel durchstöbern, dieses innere Haus einmal so richtig durchsuchen, um dann ernsthaft zu fragen und zu prüfen: Passt es so oder muss etwas verändert, renoviert oder saniert werden? Renovierung und Sanierung sind auch beim inneren Haus nicht gratis, allerdings kosten sie kein Geld, so gesehen sind diese Maßnahmen beim inneren Haus völlig einkommensunabhängig. Allerdings nicht kostenlos. Sie kosten zum Beispiel Zeit, Ruhe, Stille, Innehalten, Verweilen, Suchen, über die Begrenzung des Lebens hinausschauen…

 

© Josef Gredler