Josef Gredler

Geschenkte Zeit im Wartezimmer

 

 Obwohl wir eigentlich gar keine Zeit haben bzw. uns keine Zeit nehmen, müssen wir doch hin und wieder  zum Arzt. Wir betreten das Wartezimmer und würden am liebsten umdrehen, so voll ist es. Wer der oder die letzte ist, wollen wir noch wissen, ehe wir uns dem Schicksal des Wartens ergeben. Den nächsten Patienten, die da hereinkommen, ist der Schrecken ob der langen Wartezeit, die ihnen das volle Wartezimmer verheißt, unmissverständlich im Gesicht abzulesen. Mit einem Laut, einem Gemisch aus Seufzen und Resignation ergeben auch sie sich ihrem Schicksal des Wartens. Bei manchen ist das Entsetzen jedoch derart groß, dass sie es vorziehen, umzukehren und später ihr Glück zu versuchen. Als ob man nichts Besseres zu tun hätte, als so lange dazusitzen und nur zu warten. Bloß zu warten ist nichts für Menschen einer Zeit, in der alles schnell gehen soll, am besten sofort. Wir Kinder dieser Sofortgesellschaft sind ganz schön ungeduldig und hilflos, wenn einmal alles nichts hilft und das Warten zur bitteren Gewissheit geworden ist, zum Unabwendbaren, das uns ereilt, weil es da oder dort zwickt und beißt, weh tut, etwas nicht stimmt.

Dabei könnte man diese zwei Stunden des Wartens, zu denen man jetzt verurteilt ist, auch ganz anders sehen: als geschenkte Zeit, die ich jetzt ganz allein für mich habe, die ich mir aber selbst nie genommen, nie gegönnt hätte. Und jetzt werden sie mir einfach geschenkt, zwei volle Stunden. Schwer auszumachen, wer der großzügige Geber ist, aber diese zwei Stunden ganz für mich sind wirklich ein Geschenk, eine Chance. Zwei Stunden aussteigen aus der Tretmühle von Hektik und Stress. Still da sitzen, nichts tun dürfen, nein, nichts tun müssen, ohne schlechtes Gewissen, weil ich es ja ohnehin nicht beeinflussen kann. Das ist es ja. Wenn ich einmal zwei Stunden nichts tue, habe ich ein schlechtes Gewissen, aber jetzt kann ich nichts tun. Diesmal kriegt mich das schlechte Gewissen nicht, denn ich kann beim besten Willen nichts dafür. Nichts tun ohne schlechtes Gewissen, komisch, aber gar nicht uninteressant. Es ist so.

Diese zwei Stunden sind da und es liegt an mir, sie als Verurteilter über mich ergehen zu lassen oder als Geschenk anzunehmen und zu nutzen oder gar zu genießen. Einmal ganz still werden und abschalten dürfen. Niemand kann mich jetzt drängen, die vielen Leute vor mir bewahren mich davor. Ich richte die Augen nach innen und schau in Ruhe zurück auf die letzten Stunden, dann Tage und schließlich sind es Wochen, die da vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Was man da alles sieht und bemerkt, wenn man so viel Zeit hat, einmal genau hinzuschauen. Wir sind es doch gewohnt, uns nur flüchtige Blicke zu leisten. Und auf einmal haben wir alle Zeit der Welt, na ja, zwei Stunden. Den leeren  Blick des Mannes an der Waschstraße, dessen Dienst ich wöchentlich in Anspruch nehme, wirklich zu sehen oder das herzliche Lächeln der Frau an der Kasse im Supermarkt, wenn sie mir den Kassabon gibt. Warum ist er so freudlos und sie so guter Dinge? Ist mir bisher gar nicht aufgefallen. In der Toilette schaue ich in den Spiegel, länger als sonst. Was sich da alles widerspiegelt: Erwartungen, Enttäuschungen, Ärger, neue Ideen, Sorgen, überflüssige und berechtigte, längst in Vergessenheit Geratenes, Träume und Ängste tauchen wieder auf. Unerfüllte Versprechen, billige Vertröstungen, gutgemeinte Ratschläge sind wieder da. Als ob es der Spiegel meines Lebens wäre.

Mein Gott, so habe ich das noch nie erlebt. Ich überhöre ganz, dass immer wieder Namen aufgerufen werden, Patienten kommen und gehen. Nach einer Stunde bin ich ganz überrascht. Die Hälfte aller Gesichter ist neu. Das sind die, die hinter mir sind in der langen Reihe der Wartenden. Fast beginne ich zu spüren, wie gut das tut: innehalten, nach innen schauen, zurück- und vorausblicken, aufmerksam werden für das, was mich bewegt, sozusagen die Tiefe meiner Seele ausloten. Ganz von selber kommt mir die Idee, dass ich mir überhaupt mehr Zeit lassen, mehr Zeit schenken müsste für dieses und jenes, das mir bisher so unwichtig erschienen ist. Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Worauf kommt es schlussendlich an? Die Antwort wäre vor eineinhalb Stunden noch anders ausgefallen. Obwohl ich nichts getan habe und nichts passiert ist, ich bin nur dagesessen und habe in Ruhe gewartet, hat sich manches verändert.

Inzwischen ertappe ich mich dabei, wie ich diese stille und unnütze Zeit des Wartens sogar ein wenig genieße. Ich weiß nicht, was mir fehlt, dass mein rechtes Bein nachts des öfteren zu schmerzen beginnt, sodass ich nicht mehr schlafen kann, der Arzt wird es mir schon sagen. Aber etwas anderes, das mir fehlt, das weiß ich jetzt: jeden Tag zumindest ein halbe Stunde Zeit nur für mich. Wie gut, dass ich seit mittlerweile fast zwei Stunden dasitze und nichts anderes habe tun können, als in Ruhe zu warten. Da erschrecke ich fast ein bisschen, als mein Name aufgerufen wird.

 

© Josef Gredler