Josef Gredler

 

Welche Zukunft hat der katholische Religionsunterricht in Österreich?

 

Was veranlasst uns, so grundsätzlich nach der Zukunft des katholischen Religionsunterrichtes zu fragen?   So lange ist es noch nicht her, dass eine solche Frage zumindest unbegründet erschienen wäre. Vor gut zwei Jahrzehnten wurden bei einer gesamtösterreichischen Fortbildungstagung für den katholischen RU an den allgemeinbildenden Pflichtschulen die  Veränderungen in Schule und Gesellschaft noch zurückhaltend  mit einem „Wertewandel in Schule und Familie“ überschrieben.     Inzwischen hat dieser Wandel aber eine Dimension erreicht, dass wir allen Ernstes nach der Zukunft des katholischen RU fragen. Die Selbstverständlichkeit, mit der er im Fächerkanon der Schule verankert war, hat zuerst relativierende Risse bekommen, die sich dann allmählich zu einer ganz offenen Infragestellung ausgeweitet haben. Das anfängliche Fragezeichnen ist zu einem Rufezeichen geworden hinter der Forderung: „Kirche, Religionsunterricht raus aus der Schule!“

Wir haben also gute bzw. ernste Gründe nach der Zukunft des katholischen RU zu fragen: Der Anteil der katholischen Schüler/innen in unseren Klassen nimmt regional zwar unterschiedlich, aber insgesamt doch permanent ab. Die Anzahl der Klassen, in denen die katholischen Schüler/-innen weniger als zehn und gleichzeitig weniger als die Hälfte ihrer Klasse sind und daher nur mehr eine Wochenstunde RU haben, steigt von Jahr zu Jahr.

Diese in hohem Maße migrationsbedingte Entwicklung verbündet sich mit einer grundsätzlichen Infragestellung des RU durch Politik, Gesellschaft, Medien und führt zu dieser Situation, aus der wir ernsthaft nach der Zukunft des kath. RU fragen - müssen. Verstärkung bekommt diese Frage noch dadurch, dass die Kirche selber immer größere Probleme damit hat, den RU in allen Schulen vollständig zu besetzen. Der RU hat nicht nur ein paar Schürfwunden, sondern befindet sich auf der Intensivstation und wir sind um lebensrettende Maßnahmen bemüht. Auch wenn uns diese gelingen, bleibt noch die Frage, ob der Patient langfristig eine Lebenschance, Perspektive, Zukunft hat.

Wie ist es dazu gekommen, was ist passiert?

1. Gesellschaftspolitische Großwetterlage

Jenes Europa, dessen Kultur und Geschichte vom Christentum geprägt war, existiert so nicht mehr. Das „Christliche Abendland“ ist für dieses Europa nur mehr ein geschichtlich korrekter Begriff, bezeichnet aber in keiner Weise seine heutige gesellschaftspolitische Rea-lität. Das „Christliche Abendland“ ist zu einer Worthülse für ein Europa geworden, das sich selber ganz anders versteht. Die christliche Religion ist heute nicht mehr prägender Bestandteil der praktizierten europäischen Kultur, auch wenn das Christentum in der Sprache noch ganz präsent ist.

Eine wirtschaftlich bedingte, in der zweiten Hälfte des 20. Jh. begonnene, noch nicht abgeschlossene Völkerwanderung hat dazu geführt, dass das Christentum in Europa auch im prozentuellen Bevölkerungsanteil rückläufig ist. Diese Entwicklung wird noch dadurch verstärkt, dass immer mehr „Christen“ ihre Kirche verlassen. Die christliche Identität Europas verblasst auch statistisch. Österreich liegt da ganz im europäischen Trend, der sich allerdings nicht in allen Bundesländern bzw. Diözesen mit der gleichen Vehemenz zeigt. Auch Österreich ist zu einem großen Sammelbecken einer verwirrenden, unüberschaubaren Fülle von Weltanschauungen, Werthaltungen und Lebenskonzepten geworden, in der die christliche Religion zwangsläufig empfindlich relativiert wird, auch in ihren Ansprüchen an Staat und Gesellschaft.

Dass der konfessionelle RU als Pflichtgegenstand angesichts einer solchen Entwicklung gefährdet ist, muss uns ebenso klar sein wie die Summe aus 1 + 1. Ein so tiefgreifender Prozess der Säkularisierung, der Entkirchlichung bzw. Entkonfessionalisierung muss mit fast zwingender Logik den konfessionellen RU in Frage stellen. Die öffentliche Bedeutung der christlichen Religion und der Religion ganz grundsätzlich sinkt anhaltend. Religion wird aus der Öffentlichkeit zunehmend in die Privatsphäre verdrängt, wie in ein Reservat. Kirche ist in der Öffentlichkeit ein rückläufiges Thema, es sei denn, sie gibt Anlass zu negativer Berichterstattung.

2. Der Wandel des Menschenbildes führt zu einem Wandel des Bildungsbegriffes und  damit der Schule

Bildung wird in der Schule zunehmend mit Ausbildung gleichgesetzt. Der humanis-tisch-ganzheitliche Bildungsbegriff hat sich in einem wirtschaftlich-funktionalistischen Bildungsbegriff aufgelöst. Der RU, der sich aber nicht wirtschaftlich-funktionalistisch legi-timieren kann, droht daher entbehrlich, überflüssig zu werden.

Dieser Wandel des Bildungsbegriffes hat die Schule verändert. In deren bildungspoli-tischen Koordinaten wird die Position von Religion weit an die Peripherie gedrängt oder ist gar nicht mehr vorgesehen. Staatliche Bildungspolitik und humanistisch-ganzheitliches Bildungsverständnis verlieren ihre Berührungspunkte. In der europäischen Bildungspolitik ist die Abwertung von Religion offenkundig. Eine völlig säkulare Pädagogik betrachtet Religion als überflüssig, vielleicht sogar als Gefahr. Die Religionen werden dabei alle „in einen Topf geworfen“ und in wechselseitige „Sippenhaftung“ genommen. Die Forderung nach Religions-freiheit der Schule ist negativ im Sinne eines Abwehrrechtes, nicht positiv im Sinne eines Entfaltungsrechtes gemeint.

In der Verabsolutierung des Wirtschaftswachstum gilt nur mehr das als Wert, als wertvoll, was man konsumieren, zählen, gebrauchen, also „verwerten“ kann. Der Mensch wird zunehmend nach seinem wirtschaftlichen Nutzen, nach seinem Beitrag zum Bruttonationalprodukt bewertet. RU bringt aus dieser Perspektive nichts, erscheint als nutzloses, aber kostspieliges schulisches Anhängsel. Auch in Österreich ist die Frage spürbar, ob sich der Staat den RU noch leisten soll.

Religion und Wirtschaft haben eine völlig verschiedene Auffassung von Werten. Was im RU als wertvoll bezeichnet wird, ist nicht das, was die Wirtschaft mit Wertschöpfung meint. Das Wirtschaftswachstum ist die neue Gottheit, die Hochkonjunktur ist der Himmel, den man auf die Erde zu holen versucht. Die Schüler/innen sollen durch gute Ausbildung für das Wirtschaftswachstum verfügbar gemacht werden. Eine solche Gesellschaft verstummt immer mehr vor den wirklich großen Fragen der Menschen, auf die die Religionen seit Menschengedenken Antworten suchen.

Der gegenwärtige Diskurs über Bildungsstandards und Kompetenzen, in dem noch immer das PISA-Trauma spürbar ist, läuft Gefahr, die Person aus dem Auge zu verlieren. In einem wirtschaftlich bestimmten, materialistisch dominierten, internationalem Ranking sich unterwerfenden Leistungsdenken und Leistungsmessen kommt Person zwangsläufig zu kurz, und damit wird der Religion die Luft genommen. Religion ist kein Unterrichtsgegenstand wie jeder andere, im RU müssen Bildungsstandards und Leistungsfeststellung unter dem Blick-winkel der Person und damit auch der Transzendenz noch einmal anders gesehen werden.

3. Was RU wirklich ist oder sein soll, ist innerkirchlich nicht geklärt.

 In einer solchen Situation ist der Umstand, dass die Kirche keine innerkirchlich um-fassend reflektierte und abgeklärte Vorstellung vom eigenen RU hat, fatal. In Fragen des Lehrplanes und der Lehrbücher wird dieses Defizit immer wieder offenkundig. Welchen RU meinen wir, wenn wir mit dem Staat und seinen Behörden über den RU verhandeln, uns mit den Medien auf eine Diskussion über den RU einlassen? Zum Beispiel:

Ist unser RU in der Schule gleichzusetzen mit kirchlicher Verkündigung? Und wenn nicht, hat die Kirche dann noch Interesse am RU? Stellen wir in der Schule nur unsere Rech-nung an oder können dort alle mit uns rechnen? Sind wir ernsthaft bereit, uns an einem ge-samtschulischen Bildungsprozess zu beteiligen oder verstehen wir RU nur als Plattform für unsere Interessen? Was wollen wir, die Kirche, vom Staat? Wollen wir nur etwas bekommen oder auch etwas geben? Da gäbe es noch großen, längst überfälligen Reflexions- und Klärungsbedarf.

Der Stellenwert des RU wird auch innerhalb der Kirche unterschiedlich bewertet. Er steht in der innerkirchlichen Prioritätenliste nicht überall so weit vorne, wie er es aufgrund der Tatsache sollte, dass die Kirche nirgendwo so viele junge Menschen erreicht wie im RU.

Wie begegnen wir der bewussten oder unbewussten Not unserer Schüler/innen, in der Welt , die sie vorfinden, in dem Leben, wie es sich vor ihnen auftut, Sinn, Orientierung, Ziel, Halt, Hoffnung, Vertrauen, Freude, Glück… zu finden? Belehrend, hörend, verstehend, hel-fend, ermutigend, dienend, heilend…? Müssen angesichts der großen Entfernung der Jugend von der kirchlich-theologischen Sprache die Schüler/innen die Kirche verstehen oder muss die Kirche die Schüler/innen verstehen?

Mit diesen innerhalb der Kirche nicht geklärten Fragen bringt die Kirche selber den RU in Gefahr.

4. Die aktuelle kirchliche Situation

Der kath. RU ist durch die Vorfälle zu Missbrauch und Gewalt zusätzlich geschwächt.

Die Kirche hat sich durch diese Vorfälle in ihrer öffentlichen Reputation selber halbiert und hat als Rückgrat des RU nur mehr die halbe Stützkraft. Unsere „Karten“ bezüglich RU sind schlechter geworden. Mehr als unsere „schlechten Karten“ müssen wir aber die Opfer be-dauern. Wenn es der Respekt gegenüber den Opfern nicht verbieten würde, müsste man dazu aus der Perspektive des RU sagen: Das hat uns gerade noch gefehlt.

 

Was soll, kann die Kirche tun?

Wie soll die Kirche dieser Situation begegnen, wie soll sie reagieren? Eigentlich sollte sie nicht nur reagieren, sondern agieren, nicht aus der Defensive bloß Überlebenschancen suchen, sondern echte Zukunftsperspektiven anstreben. Zum Beispiel:

Was tun angesichts der sinkenden Zahlen der katholischen Schüler/innen? Die Absicht einer Diözese, die zwei Wochenstunden RU quasi zu teilen in eine Stunde katholischen RU und eine Stunde allgemeinen, jedenfalls nicht konfessionellen RU, halte nicht nur ich für gefährlich: Ich sehe in dieser Maßnahme keine Perspektive, sondern nur eine Reaktion, bei der schon das Ende durchscheint. Wenn aus einer solchen Notlösung ein Modell für ganz Österreich werden sollte, hoffe ich auf vehementen Widerstand aus den anderen Diözesen.

Wenn der RU seine konfessionelle Prägung ablegt und sich auf Religionskunde, religiöse Lebenskunde, religiös unterlegten Ethikunterricht… verkürzt, muss uns allen klar sein: Da werden wir austauschbar, das können andere auch, dazu braucht es nicht unbedingt die Kirche. Wenn wir unsere konfessionellen, spirituellen, theologischen Konturen aufgeben, verlieren wir unsere Identität.

Ebenso untauglich ist das andere Extrem: in einer katechistischen Versteinerung des RU seine Zukunft zu sehen. Ein solcher RU ist nicht dialogfähig, nicht integrationsfähig, iso-liert sich selber in der Schule und nimmt sich über kurz oder lang als bewegungsunfähiger Monolith selber aus dem Spiel, weil die öffentliche Schule für ihn einfach der falsche Platz ist.

Naiv und kurzsichtig ist der Versuch, sich auf das Konkordat zu verlassen. Wenn uns da nichts Besseres einfällt, haben wir ja selber zu wenig Perspektive. Da werden wir mutiger und uneigennütziger uns selbst ernsthaft fragen müssen, wozu die Schule uns braucht, und dürfen nicht unter die Schutzglocke des Konkordates flüchten und dort warten, bis das Unwetter vorbei ist.  RU ist nur zukunftsfähig, wenn von ihm positive Impulse für die Schule ausgehen. Wie können wir Schule mitgestalten und nicht nur mitbenützen? Dazu wird es eine initiativ starke Kirche brauchen mit einer initiativfreudigen Religionspädagogik. Wir brauchen den Mut zur Frage, ob unsere christliche Bildung auch zu menschlicher Entfaltung führt.

Wir dürfen kirchliche Bildungsmitverantwortung nicht mit kirchlicher Sozialisation verwechseln. Die Gemeinde ist der eigentliche Ort der Katechese. Auch der österreichische Staat wird es demokratiepolitisch langfristig nicht schaffen, der Kirche den RU in der Schule zu finanzieren, wenn diese sich dort auf kirchliche Sozialisationsbemühungen beschränkt. Der Staat wird sich den RU nur leisten, wenn die Bildungsziele des RU auch für den Staat wichtig sind. Der Staat braucht auch aus seiner Sicht „gute Gründe“, so viel Geld für den RU auszugeben. Da müssen wir die Denkrichtung umdrehen.

Der Staat ist zum Beispiel zunehmend mit dem Problem der Gewalt in der Schule kon-frontiert. Da könnten wir doch Hilfe leisten, an der wir aus tiefster biblischer Überzeugung selber interessiert sein müssen. Wir dürfen unseren Einsatz dafür aber nicht in instrumen-talisierender Absicht davon abhängig machen, ob wir uns damit etwas anderes sichern kön-nen. Wir können uns in diesem Punkt mit dem Anliegen des Staates ganz identifizieren. Dass unser Engagement für Gewaltfreiheit und Friede nicht nur aus einer moralischen, sondern auch aus einer transzendentierenden Quelle schöpft, das werden wir nicht verschweigen.

Das Christentum und sein konfessioneller RU müssen per se Hilfe zu Gewaltverzicht sein, friedensstiftende Wirkung entfalten, Dialogbereitschaft und Toleranz fördern. Religion soll grundsätzlich, das Christentum auf jeden Fall, zur Deeskalation, nicht zur Eskalation von Konflikten beitragen. Wo das nicht der Fall ist, sondern Religionen statt zur Lösung des Problems beizutragen, selber Teil des Problems sind,  ihre Vielfalt nicht tolerant, sondern in Konfrontation leben, haben sie in der Schule nichts verloren bzw. wird man sie dort nicht wollen.

Da gibt es genug Handlungsfelder in der Schule, bei denen der Staat bzw. die Schule die Potentiale der Religion, des Christentums brauchen könnte: emotionale Verwahrlosung, Verlust gegenseitiger Achtung, Gewaltbereitschaft, Bedrohung des Friedens, Diskriminierung und soziale Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Menschenrechte, Bedrohung der Umwelt, der Lebensbedingungen … Dass Bildungspolitiker Religion primär nur als Beitrag zu sozialem Zusammenhalt und in ihrer moralischen Integrationswirkung sehen, soll uns nicht daran hindern, uns aus tiefster biblischer Überzeugung in der Schule darum zu bemühen. Einer bedenklichen Entwicklung stehen also auch Chancen gegenüber.

Wenn man angesichts eines bedrohlichen Werteverlusts immer öfter eine Rückkehr der Werte beschwört – unser Bundespräsident hat mit der Forderung nach Werten den Wahl-kampf bestritten -, dann soll(en) da die Religion(en) eine Aufgabe heraushören. Allerdings wird die öffentliche Schule, der Staat nur dann unsere Hilfe annehmen, wenn wir sie nicht als Hintereingang missbrauchen, sondern als verantwortungsvolle Kooperation am Bildungsauftrag der Schule verstehen.

Die Zukunftsfähigkeit des katholischen RU hängt also auch davon ab, wie wir uns in der Schule definieren. Wenn wir Schule nur als Möglichkeit unserer gesellschaftlichen Etab-lierung sehen, dann würde die liberale Öffentlichkeit uns das als Missbrauch unserer Präsenz in der Schule anrechnen. Mit einem solchen kirchlichen Selbstverständnis schließen wir uns selber ein und schließen uns letztlich aus dem Schulgeschehen selber aus. Es gibt nur einen Grund für ein aufgeklärtes Staatswesen, Religionsgesellschaften in die Schule zu holen: zu glauben, dass Religion für die Schule, für die Schüler/innen wichtig ist. Da haben wir zu lange auf politiktaugliche Argumente vergessen.

Wir wollen RU in der Schule auch für die Zukunft festmachen, aber wir finden den Haken dafür nicht. Wir werden ihn erst finden, wenn wir erkannt haben, dass die Schule nicht für uns da ist, sondern wir für die Schule da sein müssen, wenn wir konfessionelle Prägung nicht mit konfessioneller Verschlossenheit verwechseln, wenn wir Identität nicht als Gegensatz zur Offenheit verstehen, wenn wir uns von der Mentalität des Benützens der Schule befreit haben und unsere Aufgabe in der Schule im Mitwirken, im Mitgestalten, im Dienst an den Schüler/-innen und an der Schule sehen und dabei nicht unsere Identität aufgeben.

 

 © Josef Gredler