Josef Gredler

Das Unverzichtbare am Religionsunterricht

 

Ist die Schule noch der richtige Ort für konfessionellen Religionsunterricht?

In Zeiten wie diesen, wo massive gesellschaftliche Wertverschiebungen und Wertverluste, die auch die Schule verändern, und bei aller Vielfalt und Verschiedenheit von Weltanschauungen, Lebenskonzepten und Glaubensüberzeugungen wird immer öfter die Frage gestellt, ob die Schule noch der richtige, der mögliche Ort für konfessionellen Religions-unterricht ist. Diese Frage kann man so oder so ähnlich hören und dabei ist ganz offen oder zwischen den Zeilen das Fragezeichen herauszuhören, ob denn der konfessionelle kirchliche Religionsunterricht in der Schule  heute überhaupt noch gerechtfertigt ist.

Weitwinkel mit Tiefenschärfe:

Religiöse Bildung ist in einer Zeit, in der die Bildung ganz grundsätzlich an einer zunehmenden Entmenschlichung leidet, nicht einfacher geworden. Es kommt darauf an, dass wir diese veränderte und sich weiter verändernde Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als Lebensraum begreifen. Es kommt darauf an, dass wir diesen Lebensraum Schule nicht nur mitbenützen, sondern auch mitgestalten. Als Mitbenützer werden wir geduldet, als Mitgestalter werden wir gebraucht. Die Menschen an der Schule müssen spüren, dass wir für sie da sind, nicht nur, dass wir von ihnen etwas wollen. Dieses Verständnis kommt auch in dem zum Ausdruck, was wir mit Schulpastoral meinen. Dazu muss unser Blickwinkel, wenn wir die Schule betreten, weit genug sein, damit wir niemand übersehen, der uns braucht. Aber unser Blick braucht aber auch die nötige Tiefenschärfe, weil das, worum es geht, nicht an der Oberfläche zu finden ist. Unser Herz muss groß genug sein, dass uns alle am Herzen liegen können, die uns brauchen.

Ist ein lebenskundliches Mäntelchen genug?

Die Zeit hat sich gewandelt, die Gesellschaft, auch die Schule. Wenn man früher noch gemeint hat, der Religionsunterricht in der Schule kann bei dem anknüpfen, was zu Hause begonnen hat, dann muss man wissen, dass heute viele unserer Schüler/innen aus Familien kommen, die mit der Kirche nichts oder nur noch gelegentlich zu tun haben. Jene Schüler/innen, deren Familien noch mit der Kirche leben, sind auch im ländlichen Lebensraum die Minderheit geworden. Wäre es daher nicht vernünftiger, aus unserem konfessionellen Religionsunterricht eine unverbindliche Religionskunde zu machen, dem Religionsunterricht einfach ein lebenskundliches Mäntelchen umhängen? Oder flüchten wir in einen religiös verbrämten Ethikunterricht?

Warum trotzdem konfessioneller Religionsunterricht?

Auch wenn die Schule nicht der eigentliche Ort kirchlicher Katechese ist, so würde gerade eine solche “Anpassung“ unsere heutigen Kinder und Jugendlichen in der Schule im Stich lassen. In einer Zeit, in einer Welt, in der so viele Botschaften wie Irrlichter oder Sternschnuppen am  Himmel junger Menschen aufleuchten und mit ihren virtuellen Fangarmen jedes Kinderzimmer erreichen, sehe ich die Notwendigkeit eines konfessionellen Religionsunterrichtes um so deutlicher, Bleibendes, Gültiges, Verlässliches, Halt, Orientierung, Sinn Gebendes,  über die Begrenzung dieses Lebens Hinausweisendes zu sagen. Wir dürfen unsere Kinder und Schüler/innen auf ihrer Suche nach verlässlichen Halte-griffen für ihr Leben nicht dem freien Markt der verwirrenden Vielfalt und unverbindlichen Beliebigkeit aussetzen. Ein konfessioneller Religionsunterricht stellt sich dieser Herausforderung und nimmt das Suchen, den Hunger seiner Schüler/innen ernst.

Konfessionellen Religionsunterricht ist mehr als…

Konfessioneller Religionsunterricht ist keine Religionskunde, auch wenn die Kunde von anderen Religionen einen Platz darin haben muss. Konfessioneller Religionsunterricht ist auch keine bloße Lebenskunde, auch wenn der Bezug zum konkreten Leben wesentlich für einen lebendigen Religionsunterricht ist. Konfessioneller Religionsunterricht kann auch nicht auf soziales Lernen verkürzt werden, auch wenn das Soziale aus dem Religionsunterricht nicht wegzudenken ist. Konfessioneller Religionsunterricht ist aber auch mehr als Glaubenslehre, auch wenn unbestritten bleibt, dass „man im Religionsunterricht auch etwas lernen muss“. Auf dieser bloß informativen, bloß ethischen, bloß sozialen Ebene wäre dieser Religionsunterricht austauschbar, ersetzbar, das können andere auch. Aber was ist dann das Unverzichtbare unseres konfessionellen Religionsunterrichtes, der einerseits weiß, dass er nicht einfach der Ort kirchlicher Katechese ist, der aber andererseits sich nicht auf Lebenskunde, Ethikunterricht oder soziale Lernen verkürzen will?

Was braucht ein konfessioneller Religionsunterricht?

Für einen guten Religionsunterricht braucht es allgemeinpädagogische, religionspädagogische, methodisch-didaktische, theologische Kompetenz. Ohne diese Voraussetzungen würde Religionsunterricht zum Desaster. Aber all das macht – und sei es noch so perfekt - noch keinen Religionsunterricht aus. Ein konfessioneller Religionsunterricht braucht zu diesen unverzichtbaren Kompetenzen noch die persönliche Glaubwürdigkeit des Religionslehrers, der Religionslehrerin, weil er nicht einfach unverbindlich Informationen liefert, wertfreie Darstellung der Religion betreibt, sondern  über die Begrenzung dieses Lebens hinaus auf ein Mysterium hinweisen muss, das wir nicht einfach mit Kompetenzen entschlüsseln können.

Was ist ein konfessioneller Religionsunterricht?

Es geht im Religionsunterricht nicht um einen methodischen Dreh, es geht nicht um eine didaktische Raffinesse oder pädagogisches Knowhow. Es geht im Religionsunterricht letztlich um ein Mysterium, um ein Geheimnis bzw. um das Geheimnis, dass Gott Mensch geworden ist und mit uns etwas Unglaubliches vorhat. Dieses Geheimnis steht im Brennpunkt des Religionsunterrichtes, und in diesem Brennpunkt können sich die Hoffnungen und Sehnsüchte, der innere Hunger und Durst dieser fragenden, suchenden, zweifelnden, oft leeren und dann wieder scheinbar satten jungen Menschen bündeln. Dieses Leben kann im Wunsch nach Gelingen und Erfüllung nicht nur im Leben selbst festgemacht werden und seinen Halt finden. Zu diesem Geheimnis können die Schüler/innen aber nicht einfach hingeführt werden. Wir können es ihnen nicht einfach in die Hand geben, man kann es ihnen auch nicht wie eine Kette um den Hals hängen, sondern nur wie eine Verheißung in den Horizont ihres Lebens stellen. Ob sie dorthin aufbrechen, ob dieses Geheimnis zu ihrer Mitte werden kann, entzieht sich unserer Machbarkeit. Religionslehrer/innen sind keine Macher, auch keine Wunderwuzis. Religionsunterricht darf nicht als gescheitert betrachtet werden, wenn er Schüler/innen keine Brücke zur Kirche zu bauen vermochte. Manchmal sind nur Annäherungen möglich, vielleicht kann der Religionsunterricht in ihr Leben positiv hineinwirken:  Mut machen, Kraft geben, es menschlicher machen... Es geht nicht um alles oder nichts. Aber das Reden der Religionslehrer/innen von dieser Mitte, von diesem Geheimnis muss aus dem eigenen berührt Sein von diesem Geheimnis geschehen, aus einem Reden mit Gott wachsen können. Das Reden von den Sakramenten, den Zeichen seiner Nähe, muss aus einem Leben mit den Sakramenten seine Glaubwürdigkeit bekommen. Das Reden von Gott und der Kirche ist nur glaubwürdig, wenn die Religionslehrerin sich selber auf diesen Gott einlässt und auch selber in und mit dieser Kirche lebt. Ein/e Religionslehrer/in muss auch selber von dem zu leben versuchen, was sie oder er da im Religionsunterricht sagt und tut. Bischof Manfred Scheuer hat dazu einmal gesagt: „Wir stellen nicht etwas her, wir stellen etwas dar.“ Religionslehrer/innen sind keine Macher, sondern Lehrer/innen, die für etwas stehen, Zeugen für etwas sind. Religionslehrer/innen haben, bringen eine Botschaft in die Klasse, die Verheißung des lebendigen Gottes, dem unsere Schüler/innen begegnen können, den auch sie erfahren können und in dem jede Schülerin, jeder Schüler sein Leben festmachen kann. Die Religionslehrerin, die selber von dieser Verheißung zu leben versucht, kann diese Botschaft glaubhaft in den Kontext des Lebens unserer Schüler/innen stellen. Ein Religionsunterricht, der dieses Mysterium versteckt, verschweigt, ausgrenzt, verkürzt sich zu einer bloßen Lebensphilosophie. Ein Religionsunterricht, der seinen Schüler/innen dieses Mysterium meint aufpfropfen zu können, missbraucht es und verschließt, verschüttet jene Öffnung oder Offenheit in ihrem Leben, wo dieses Leben sich mit diesem Mysterium verbinden kann. Religionsunterricht muss die konkrete Lebenssituation seiner Schüler/innen ernst nehmen, annehmen, mit seinen Schüler/innen bedenken und besprechen... und in diese Situation hinein aus dem eigenen Glauben auch von diesem persönlichen Gott reden, der mit diesem Leben annehmend, heilend, erfüllend, verwandelnd etwas zu tun hat und zu tun haben möchte. Konfessioneller Religionsunterricht bringt dieses Leben zur Sprache, bleibt aber nicht dabei stehen, sondern weist über dieses Leben hinaus und will seinen Schüler/innen vertrauen helfen, dass es da mehr gibt als das, was laut und glitzernd auf den großen Projektionsflächen dieser Zeit aufleuchtet. Er fordert die Schüler/innen heraus, über Gott und die Welt, über sich und die anderen, über das Woher und Wohin nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen. 

© Josef Gredler