Josef Gredler

 

Religionsunterricht im Beziehungsraum Schule

 

Vorbemerkung:

Der „Fähigkeit zum Miteinander“,  der „Beziehungsfähigkeit“ gebe ich in den folgenden Ausführungen  den Vorzug gegenüber dem Begriff der „Sozialkompetenz“.

A) Was hat der Religionsunterricht damit zu tun? (6 Thesen)

1. Die zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft, eine ernsthafte Bedrohung für menschliche Lebensräume, spiegelt sich auch in der Schule wider und schafft dort Defizite, auf die die Schule reagieren muss, wenn sie ihren Bildungsauftrag ernst nimmt.

2. Die Aufgabe, in ihren Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit zum Miteinander, die Beziehungsfähigkeit zueinander zu wecken, zu fördern, ist eine Aufgabe, die sich vorerst an die Schule ganz grundsätzlich richtet und nicht bloß an einzelne Unterrichtsgegenstände.

3. Als integrativer Bestandteil der gesamten Schule muss der RU zum gesamten schulischen Bildungsprozess beitragen, auf unser Thema bezogen: Der RU muss sich an der Förderung aller Fähigkeiten beteiligen, die dieser Entsolidarisierung und Beziehungslosigkeit entgegen-wirken.

4. Wenn Schule immer mehr als Lebensraum, also nicht bloß als Lernort für Schüler/innen mit verschiedenen Unterrichtsgegenständen gesehen wird, dann muss der RU diesen Lebensraum mitgestalten. Dass die Religionslehrer/innen als Mitgestalter/innen dazu gebraucht werden, dass der RU als mitgestaltende Kraft Wesentliches dazu beitragen kann, bestätigen zahlreiche Beispiele aus dem Schulalltag. Natürlich muss man einräumen, dass dies nicht immer und überall ausreichend gelingt.

5. Der Unterricht einer Religion, deren wichtigstes Gebot die Liebe ist und die die Verheißungen der Bergpredigt zu ihrer zentralen Botschaft macht, hat damit den biblischen Auftrag, am Miteinander der Schüler/innen, verschiedener Religionen, Kulturen und Nationalitäten in der Schule mitzuwirken.

6. RU ist mehr als soziales Lernen. Im christlichen RU wird das Soziale noch einmal tiefer begründet und festgemacht in der Botschaft Jesu, der den Mitmenschen, insbesondere die Schwachen, die zu kurz Gekommenen, die in Not Geratenen, die Ausgegrenzten, die Verlierer in die Mitte gestellt und zum Auftrag gemacht hat. Das Entscheidende in seinem Vermächtnis ist die in Gott festgemachte Hoffnung – auch angesichts von Unfassbarem, nicht mehr Verstehbarem, auch angesichts von Leid und Tod.

 B) Einige Beispiele dazu:

1. Die vielen Schüler/innen, die da täglich durch das Schultor gehen, bringen ihre je eigene Biographie mit ihren ganz konkreten Nöten und Defiziten, auch ihr Anderssein mit. Daraus entstehen immer wieder Konflikte, Beziehungsunfälle, manchmal sogar Beziehungskatastrophen, die auch und ganz besonders den RU herausfordern. Wenn Schüler/innen beispielsweise gemobbt werden, dadurch in große persönliche Not geraten, die man von außen gar nicht immer wahrnimmt, weil sie leise bleibt, wenn ein Schüler z. B. von seinen Mitschülern in die Clomuschel getaucht wird (!), - dann hat der Religionslehrer einer HS das als Herausforderung verstanden und mit allen Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern gemeinsam im Sinne der Bergpredigt ein Projekt „Stopp der Gewalt“ begonnen.

2. Die Katastrophe von Galtür hat den RU, die Religionslehrerin der Volksschule dort vor eine große Herausforderung gestellt. Da war und ist nicht alles lösbar, „reparierbar“. Manches konnte nur noch in einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst aufgefangen werden. Und dieses betende Gedenken im RU ist auch heute noch die einzig mögliche Antwort auf das, was die Erinnerung der Schüler/innen unauslöschlich geprägt hat. Noch Wochen später besuchten Schüler/innen das Grab einer Mitschülerin und ließen dort einen Brief, eine Zeichnung oder eine kleine Bastelarbeit zurück.

3. Wir alle wissen, wie sehr im Aufeinandertreffen verschiedener Religionen, Kulturen und Nationalitäten auch in der Schule immer wieder Spannungen und Konflikte entstehen und wie sehr solche Konflikte ihre Wurzeln im Nichtwissen und einander Nichtkennen haben. Wenn da an einer Volksschule die Religionslehrerin gemeinsam mit dem gesamten Lehrer/innen-kollegium einen ganzen Vormittag die Begegnung der an der Schule vertretenen Religionen ermöglicht, dann ist das ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

4. Es wird in einer zunehmend konsumistischen, sich immer schneller bewegenden Zeit immer schwerer, den zentrifugalen Kräften menschlichen Auseinandertriftens entgegenzuwirken und sich in Besinnung, Fest und Feier zu orientieren und einander zu begegnen. So hat es auch die Religionslehrerin einer Hauptschule verspürt und den Schülern in einem gemeinsamen fächerübergreifenden Adventprojekt ermöglicht, dass sie über Klassen und Grup-pen hinweg miteinander das Beziehungs- und Sinnstiftende, auch das Gemütsbildende dieser Wochen und Tage vor dem Fest der Menschwerdung Gottes aufspüren können. Eine sehr ernst zu nehmende Jugendstudie warnt vor der emotionalen Armut der Heranwachsenden.

5. Wenn Umgangston und Umgangsformen der Schüler/innen untereinander zunehmend aggressiver werden, ihre Gewaltbereitschaft zunimmt, um ihre je eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten in einer Art „Hackordnung“ durchzusetzen, dann muss der RU darauf reagieren und dann sind viele Themen schon vorgegeben.

6. Wir spüren die fortschreitende Erosion gegenseitiger Achtung und wechselseitiger Toleranz, die steigende Tendenz zur Ausgrenzung, die Zerbrechlichkeit und permanente Bedrohung des Friedens, auch in der Schule. Der Schutz des Friedens ist ein biblischer Auftrag. Fachlehrpläne und Lehrbücher räumen der Friedenserziehung eine zentrale Bedeutung ein. Von dieser Fähigkeit und Bereitschaft zum Frieden hängt die Zukunft unserer Schüler/innen mehr ab als von vielen anderen Lehr- und Lernzielen. Diese Aufgabe des RU ist zutiefst im Wesen der christlichen Religion begründet. Erziehung zum Frieden ist ein unverzichtbarer schulischer Auftrag im allgemeinen und ein elementarer Auftrag für den RU im besonderen.

C) Wie kann, wie muss der Religionsunterricht sich dieser Aufgabe stellen?

1. Der RU muss sich dieser Aufgabe zum einen auf der inhaltlichen Ebene stellen und solche Fragen, Spannungen und Konflikte thematisieren. Diese Fähigkeit und Bereitschaft zum Miteinander muss aber auch in der Unterrichtsgestaltung  erfahrbar werden und in der Beziehung aller am Unterrichtsgeschehen Beteiligten zueinander zum Ausdruck kommen. Im RU wird diese Beziehung zur unverzichtbaren Verbindung und Bedingung. Noch mehr als die anderen Unterrichtsgegenstände ist der RU darauf angewiesen, dass die einzelnen Lernschritte über die Beziehungsebene auch das Inwendige der Schüler erreichen. Soziale Fähigkeiten können also nicht nur durch entsprechende Themenauswahl entwickelt bzw. gefördert werden. Der mitmenschliche Umgang  miteinander muss zum unverzichtbaren didaktischen Prinzip im RU selbst werden.

2. Religionspädagogik darf sich nicht in einer Sozialpädagogik erschöpfen, aber eine Ver-nachlässigung sozialpädagogischer Verantwortung würde jede Religionspädagogik zum Scheitern verurteilen. Wenn im RU sozialpädagogische Fähigkeiten zu kurz kommen, wird alles Bemühen zur Quadratur des Kreises. Doch diese Fähigkeit zu einem beziehungsvollen Miteinander darf nicht bloß ein didaktisches Instrument sein, sondern wird im RU selbst zum Auftrag und Inhalt. Es gibt keinen gelingenden RU ohne Beziehungslernen, ohne Beziehungsdidaktik.

3. An der Kirchlich Pädagogischen Hochschule Edith Stein in Stams haben sich Studierende mit dem Modell sogenannter Compassionsschulen vertraut gemacht, wie es sie in Deutschland bereits gibt. Wollen wir einmal vom Begriff absehen, der ganz dem Trend folgend mehr verschleiert als erklärt, dann geht es in einer solchen Schule um die institutionalisierte Förderung der Fähigkeit zur Anteilnahme, zur Mitmenschlichkeit und Solidarität. Ich meine, dies sind in der Tat unverzichtbare Schlüsselfähigkeiten im RU - und in der Gesellschaft.

4. RU hat unter anderem auch die Aufgabe, den Schüler/innen Möglichkeiten solidarischen Lebens und Handelns zu ermöglichen. In Anlehnung an den Pastoraltheologen Paul Zulehner, der unsere Gesellschaft und Schule an der Wegzweigung zwischen Entsorgungskultur und Solidarkultur sieht, möchte ich es so formulieren: Der RU hat die Aufgabe, im Zukunfts-biotop Schule seine ganze Kraft für die Entstehung einer Solidarkultur einzusetzen. RU darf sich nicht durch die vier Wände des Klassenzimmers begrenzen; es geht im RU immer auch  um die soziale Dimension der ganzen Schule, um das Miteinander aller im Lebensraum Schule.

 

 © Josef Gredler